Montag, 31. Oktober 2011

Heimat ist, wo das Herz weh tut.


Was ist eigentlich Heimat? Früher musste ich bei diesem Wort immer an "Heimatfilme" denken, die auf dem 3. Programm laufen und in einer heilen Welt, umrahmt von Bergen und Bauernhöfen, spielen.
In diesem Zusammenhang ist das Wort Heimat doch eher etwas Altmodisches, etwas lächerlich vielleicht, etwas, das heutzutage eigentlich auch gar nicht mehr gebraucht wird. Anders als das Wort „Zuhause“ habe ich Heimat früher nie mit einem bestimmten Ort verbunden.
Aber in all der Vollkommenheit meines neuen Lebens gibt es einen dunklen Fleck, einen kleinen Stachel, der manchmal unangenehm piekst. Ein Gefühl, welches aufkommt, wenn man es am wenigsten braucht. Eine Sache, die heutzutage eigentlich nur noch als kindisch, althergebracht und unpassend bezeichnet werden kann. Es ist das Heimweh.
Inzwischen komme ich mehrmals im Jahr "nach Hause" in mein hessisches Dörfchen und könnte jedes mal vor Freude heulen - es ist nun mal der persönlichste Platz der Welt. Diese Bindung an Objekte, Häuser, Landschaft, die vertraute Autobahnausfahrt, der besondere Geruch nach Gras, Feld & Acker, Herbst, der Kirchturm, den ich von weitem auftauchen sehe ... Heimat hat mit Geborgenheit zu tun. Und somit auch viel mit nahestehenden Menschen. Das ist die andere Seite. Kaum zur Tür herein, bist du wieder Kind deiner Eltern. Das nervt zuweilen, tut aber gleichzeitig unglaublich gut. Einfach mal wieder für nichts mehr verantwortlich sein ... ein bisschen im Haushalt helfen, die alten Sachen durchwühlen. Ganz wichtig auch: Die alten Kontakte mit vertrauten Menschen, die man von kleinauf kennt. Die Wiederbegegnung mit der Wärme. Im Sommer war ich auf einem ganz klassischen Fest mit Bierzelt und allem, was dazugehört, wo ich seit dem ich denken kann immer mal wieder war. Da haben mich einige Leute mit grossem Hallo begrüsst und umarmt, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Wir haben zusammen gefeiert und ich konnte nach einigen Apfelwein auch mal wieder richtig hessisch reden oder es zumindest versuchen.

Ich weiss mittlerweile, was Heimat bedeutet und dass der Begriff durchaus nicht altmodisch oder unnütz ist. Heimat ist wichtig. Heimat ist das, wo wir unseren Ursprung haben. Und dieser Ursprung gewinnt ganz besonders dann an Bedeutung, wenn wir in der Ferne sind. Für manche ist Heimat ein Land, eine Stadt oder ein Dorf. Das Haus vielleicht, in dem die Eltern immer noch wohnen. Ein Stück regionale Kultur, die Muttersprache oder ein Dialekt. Ein bestimmtes Gericht, das nur die Mama so gut kochen kann. Eine Familienfeier, die jedes Jahr stattfindet.

Für mich ist Heimat aber auch noch etwas anderes. Heimat ist ein Buch voller Erinnerungen, Gefühle und Eindrücke. Wenn ich dieses Buch aufschlage, dann kommen daraus Gerüche, Musik, Bilder, Menschen und Lachen hervor. In diesem Buch sind auch all diese Dinge versammelt, die in der neuen Heimat fehlen. Die es hier schlichtweg nicht gibt, sei es, weil mir nahestehende Menschen 2300 Kilometer entfernt wohnen, weil es kein Laugengebäck, kein Apfelwein, kein (trinkbaren) Riesling gibt oder die größte Grünfläche nicht größer als ein Vorgarten ist. Es macht Freude, in dem Buch zu blättern, vergessene Dinge wiederzuentdecken oder neue darin aufzuschreiben

Es ist nicht so einfach, Heimatgefühl zuzugeben. Schliesslich bin ich ja Europäerin, Erdenbürgerin. Ich interessiere mich dafür, was in der Welt geschieht, will ferne Länder bereisen, neue Kulturen kennenlernen und verstehen, wie die Menschen am anderen Ende der Welt so ticken. Ich mag australischen Wein und französisches Gebäck. Ich habe brasilianischen Tanz und das Rollen japanischer Sushis ausprobiert. Ich bin hungrig nach neuen Erfahrungen aus der Ferne. Doch je weiter ich mit meinen Sehnsüchten fliege, desto fester halte ich dieses „Heimatbuch“ in meinen Händen.
Und wenn jetzt jemand sagt, das ist altmodisch, kindisch und wird heute nicht mehr gebraucht, muss ich entgegensetzen, dass wir es in dieser schnelllebigen Welt mehr brauchen denn je.

1 Kommentar:

  1. ...heute Abend erwischen mich diese Zeilen auf genau dem Fuß, wo ich bis zur Besinnungslosigkeit heulen möchte. Das Nachhause kommen ist eines der innigsten und wunderbarsten Gefühle überhaupt - und das Zuhause ist eben nicht überall.. Wie oft möchte ich gleich einem Vogel hinaus in die Welt fliegen, alles erkunden - nur um heimzukommen und mit leuchtenden Augen davon zu erzählen..

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