
Ja, man macht das so. Zum Beispiel im Flugzeug. Die geheime Regel hier ist vermutlich, dass man so tut als ob niemand anders da wäre. Damit schafft man sich eine "So-tun-als-ob-Privatsphäre", wie aber leider schon bei dem Gegenteil von Beinfreiheit endet.
An manchen Tagen finde ich das sogar unheimlich und auf jeden Fall auch ein klein wenig schizophren…und das, obwohl ich der letzte Mensch bin der fremde Menschen sehen, geschweige denn mit denen zusammen eingesperrt werden möchte als sonderlich schlimm für einen gewissen Zeitraum empfindet. Ich habe jedoch keine Lust auch mit denen noch Begrüßungsrituale zu veranstalten. Meere Stunden auf engstem Raum…ja das ist im Grunde völlig erträglich für mich, aber warum sind die Regeln sozialen Zusammenlebens derart inkonsistent?
Kein wohlwollendes Begrüßungsgemurmel wie im Wartezimmer. Man muss die Menschen um sich herum ignorieren. Das ist gar nicht so leicht. Anstrengend, manchmal. Manches, was man sich woanders antrainiert hat, zum Beispiel "Gesundheit" zu sagen wenn jemand niest (ja, ich weiß, dass ist out - da der kranke Mensch eine Belästigung ist, hat er sich neuerdings zu entschuldigen; man wünscht ihm keine Besserung) macht man nicht. Vermutlich wäre es kein Fauxpas, "Gesundheit" zu sagen, aber tatsächlich habe ich es noch nie erlebt. Auf ein Niesen folgt für mich also immer eine gespannte Stille….bis immer irgendjemand "Gesundheit" in welcher Sprache auch immer dem Nachbarn zumurmelt.
Die restliche Zeit tut man so, als würde man die anderen nicht wirklich wahrnehmen. Dabei kann man wunderbar beobachten, wie der Mann in Anzug auf der anderen Seite des Gangs in der Nase bohrt. Und man freut sich, dass die hübsche Blonde an der alles so perfekt gestylt ist, mit offenem Mund schläft. Und man kann gut aussehende schlafende Typen anstarren, wenn man mag, ohne dass sie's merken. Und man erfährt über die Jugend von heute was man nie wissen wollte. Speziell über den Absturz der besoffenen besten Freundin eines Mädels, das laut in sein Handy spricht…bevor das abschalten der Mobil Telefone angeordnet wird. Und wenn sie ihrer Freundin da nun erzählt, was gestern Nacht alles war (denn die kann sich nicht mehr erinnern), dann hört vermutlich alle Reihen von 10-16 gebannt zu (sofern sie auf einem Flug nach Frankfurt auch der deutschen Sprache mächtig sind). Trotzdem ist das nicht unhöflich, denn erstens tut man ja so als würde man nicht hingucken und zuhören und zweitens kann man ja gar nicht anders. (Aber ich glaube auch das ist nicht auf andere soziale Situationen übertragbar. Das muss ich noch untersuchen.)
Es gibt etwa zweieinhalb Ausnahmen, in denen die zombiehafte Wir-ignorieren-einander-so-gut-es-geht-Laune plötzlich umschlägt. Das passiert einerseits bei kleineren Katastrophen und katastrophalen Verspätungen…plötzlich stimmen alle einheitlich einem Stöhne ein…ooooohhhh. So die Tage geschehen, als sowohl die Klimaanlage nicht so wollte und der Flughafen unsere Abflugzeit um 20 Minuten nach oben korrigierte. Die andere Ausnahme, die ich öfter erlebe ist, dass Menschen, die sich äusserlich eindeutig als Anhänger einer beliebten Ballsportart zu erkennen geben, gerne nach den aktuellen Spiel-Ergebnissen gefragt werden. In solchen Momenten beneide ich die heimlich. (Vielleicht brauche ich einen "Frag mich doch mal, was bei Facebook so läuft oder was meine Meinung zur aktuellen Werbung von XY so ist"-Button.) Vielleicht aber auch nicht…..
Seinen Höhepunkt findet das Theater in den Flugzeugen die fast ausnahmslos auf meinen am meisten genutzten Strecken von Touristen benutzt werden, die auf dem Heimweg von ihrem Urlaub sind. Das ist meistens ein Haufen Menschen, der aussieht als ob er nur noch nach Hause möchte und mit letzter Kraft und versteinerter Miene tapfer die Unbilden des Lebens im allgemeinen und Air Berlin, Lufthansa, Condor oder hat ever… im Besonderen erträgt. Das Schweigen wirkt dann irgendwie verordnet…man sucht mit den Augen schon heimlich nach der strengen Bibliothekarin, die sprechen, essen und trinken verbietet. Meine Lieblingsszene kommt aber noch: Manchmal wagen es mutige, Helden so ein Flugzeug angetrunken und singend zu entern. Ich mag Musik und live sowieso. Viele andere nicht. Deren angestrengtes Bemühen von ihrer Umwelt nichts wahrzunehmen, wird dann auf eine harte Probe gestellt.
Das finde ich lustig….aber das vielleicht heute auch nur, da ich entdeckt habe, dass es kleine süße und unschuldige Flaschen Wein am Flughafen zu kaufen gibt…und nach drei dieser 250ml Flaschen stehe ich kurz davor mitzusingen ;-)
http://www.youtube.com/watch?v=YUxLXAa0ZwE
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