Sonntag, 6. März 2011

Ein Liebesbrief. An 957 Kilo Blech.


Liebster Hektor,

Ja, Hektor ist ein seltsamer Name für ein Auto, und “wer ist eigentlich Hektor?”…oder war es eher Paul? Aber, seien wir doch ehrlich, ein Lupo ist auch ein seltsames Auto, besonders in hellblau und zudem mit Hawaiiblumen versehen. Du warst auch nie ein besonderes Kraftpaket, nie sonderlich leistungsstark. Aber hey, ich liebe dich trotzdem. Oder genau deswegen.

Damals, als ich dich das erste Mal mit nach Hause genommen habe, war klar: Das ist nicht einfach irgendein Auto wie jedes andere auch. Und plötzlich wusste ich einfach, wie du heißen würdest. Ja, es ist kindisch, ja, es ist typisch Frau – aber weißt du was? Es war mir egal. Und ich habe mich nur ein einziges Mal sehr geärgert, dich, diesen Nutzgegenstand, diesen fahrbaren Untersatz, derart emotionalisiert zu haben: Als klar war, dass ich dich zurück lassen musste.

Wo waren wir nicht überall. In München…und das sehr oft, auch in Hamburg, gefühlte hunderttausende mal in Darmstadt, Party feiern in Braunschweig. In Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Aschaffenburg, Köln und Münster. Im Ruhrgebiet, im Bayrischen Wald, in der Eifel und am Bodensee. Auf dem Dorf, in der Stadt, auf Feldwegen, und auf vierspurigen Autobahnen. Wir waren auf Dorf-Feten, in großen Clubs, bei verschwiegenen Festen. Beim Sport, auf Silvesterparties, auf Konzerten. Am Waldsee, in Scheunen, auf Supermarktparkplätzen, in Hotelgaragen.

Wir sind gemeinsam über viele Jahre zu meiner Arbeit gefahren, und irgendwann habe ich es auch geschafft, mir nicht mit der Wimperntusche das Auge auszustechen, wenn ich mich wieder einmal im Rückspiegel schminken musste, weil ich so spät dran war. Du hast mich zu Dates gebracht, und nachts wieder nach Hause. Und wenn ich doch einmal nach einer Stunde aus einer Verabredung flüchten musste, wusste ich: Du wartest auf mich. Und ich wusste auch: Die Typen, die sich über dich lustig machen, will ich nicht wiedersehen. Wer dich nicht mochte, den mochte ich auch nicht.

Du bist ein Charakterauto. Eines mit kleinen Dellen, mit großen Macken (…ich hab ihn wirklich nicht im Totenwinkel gesehen, Hektor ich schwöre es). Aber eines, das immer da war. Das in jede Parklücke passte, und das mich nie im Stich gelassen hat. Du bist zwar klein, aber du warst immer oho, und kein Auto ist so klein, dass man nicht darin übernachten könnte. Und umgezogen sind wir auch einmal, und, ja, so ein Lupo ist ein wahres Raumwunder!

Manchmal, wenn es mir nicht gut ging, sind wir irgendwohin gefahren, auf einen Feldweg oder an den Rand der Stadt. Ich bin ausgestiegen und ein paar Meter gelaufen, kam irgendwann wieder zurück, habe mich hinters Steuer gesetzt und hätte am liebsten geweint. Dann habe ich das Radio eingeschaltet, meine Lieblingsmusik lief, das vertraute Geräusch deines Motors im Hintergrund, und ich wusste, alles wird irgendwie gehen.

Ab und an hab ich laut geflucht, wenn irgendjemand wieder nicht Autofahren konnte (Frauen im Straßenverkehr! Ein Graus!). Aber noch häufiger habe ich ganz schön vor mich hin gegrinst, wenn wir an einem dieser ekelhaften Macho-Typen vorbeigezogen sind, ach, war das super, diese Blicke werd ich nie vergessen, auch wenn es manchmal nur mit letzter Kraft und den Berg runter mit Rückenwind war, aber egal!

Wir sind mit offenen Fenstern übers Land gedüst, wenn es überall nach Frühling roch, im Sommer sind wir zusammen ins Schwimmbad gefahren und im Herbst haben wir Laub gepflügt. Wir haben Wintereinbrüche erlebt. Auf der Autobahn, in der Rhön, rund um Darmstadt und Frankfurt und an Silvester bei 30 km/h auf der Autobahn. Als außer uns niemand mehr unterwegs war.

Who should be asleep and not crossing roads or highways.

Und was haben wir nicht alles erlebt. Als ich fast täglich mit Freunden am Abend, am Tag und vor allem am Wochenende unterwegs war, hast du mich wieder gut nach Hause gebracht. Wir haben falsch geparkt, sind manchmal etwas zu schnell gefahren, na gut...passiert.

Oft hatten wir auch Mitfahrer. Irgendwo zwischen Fahrer- und Beifahrersitz – wurde herumgeknutscht, gelacht, geweint, geredet, manchmal stundenlang, und manchmal von allem etwas.

Liebster Hektor. Pass auf Dich auf, ich verlasse Dich so schnell nicht und komme immer mal wieder auf eine Tour, einen Schwatz, eine Stunde mit Dir, mit neuer Musik im Gepäck bei Dir vorbei!

….und vergiss mich nicht. Auf die nächsten hunderttausend Kilometer.

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