Schon in der Schulzeit ist es ein bekanntes Phänomen: man will morgens einfach nicht aufstehen. Da draußen ist es wahlweise zu nass, zu kalt, zu dunkel, in jedem Fall aber zu doof….und nichts ist verlockender, als sich unter der warmen Bettdecke noch mal einzukuscheln und noch etwas zu schlafen, um dann später nutellabrotessend voller Häme an die ganzen armen Schweine zu denken, die draußen ihren Alltag bestreiten müssen.
Im Studium verliert die Angelegenheit dann leider etwas ihren Reiz, weil es schlichtweg keinen interessiert, ob du zur Vorlesung auftauchst oder nicht. Das Nutellabrot schmeckt immer noch gut, aber die fiese kleine Stimme in deinem Kopf erinnert dich an Hausarbeiten, Klausuren und notwendige Scheine, um das Semester erfolgreich zu bestehen. Im Berufsleben ist es dann endgültig vorbei, und schweren Herzens kettest du dich an dein Hamsterrad, das je nach Modell vergoldet, angerostet oder mit Swarovskikristallen versehen ist, was du aber ohnehin alles nicht wirklich wahrnimmst, weil du den ganzen Tag mit Treten beschäftigt bist.
Und dann eines Tages: „Frau Müller, sie arbeiten ab jetzt von zu Hause.“ Über diese vollkommen unerwartete Wendung der Ereignisse bin ich zunächst überrascht, aber sehe als Abenteuer, als neue Erfahrung…ein wenig auch als Chance. Irgendwas mit….entfliehen vom stressigen und blutsaugenden Agenturalltag…etwas Schonung zwischendurch, hinlegen, eventuell mal Mittagsschlaf, gesund zu Hause essen, mal einen Spaziergang machen. Ich bin im Himmel!
Die ersten Tage läuft die Agentur quasi Amok . Präsentationen scheitern, ich bekomme Mails, deren Inhalt an Idiotie und/oder Brisanz kaum zu überbieten ist, und ich hasse mein Telefon. Nee, was bin ich froh, dass ich da erst mal raus bin, jetzt merkt man erst mal, wie bescheuert das da alles ist und wie lange man das Ganze live vor Ort mitgemacht hat. Von dem ganzen Theater bin ich todmüde, an Ruhe ist nicht zu denken, und ich fühle mich überhaupt nicht mehr so sonnig, wie ich mir das eigentlich vorgestellt habe.
Eine Woche später. Die Agentur hat sich beruhigt. Irgendwann wurden alle Fragen gefragt, alle Zuständigkeiten verteilt. Das wahre Arbeiten von zu Hause beginnt und stelle gleich mehrere Dinge auf einmal fest:
- -Das Fernsehprogramm ist eine Vollkatastrophe.
- -Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Damit sind Bücher- und DVD-Stapel der Staubhexe ausgeliefert.
- -Liegend surfen funktioniert nur sehr eingeschränkt.
- -Außerdem ist das Internet plötzlich viel kleiner.
- -Ich beginne damit, mich mit Gegenständen zu unterhalten, Mails an verschollene Bekannte zu schreiben und jeden Anruf, welcher nicht von der Agentur ist, zu bejubeln.
- -Ich stelle fest, dass alle meine Freunde entweder im Hamsterrad stecken oder weit über 2000 Kilometer weit weg wohnen.
- -Ich suche im Internet nach Bastelideen, verwerfe die Idee dann aber wieder .
- -Ich habe Lust auf Fensterputzen und Bügeln.
Eine weitere Woche später. Egal, was man euch in Möbelhäusern erzählt: es gibt kein Sofa und keine Matratze auf dieser Welt, die für Dauerbeliegung und gleichzeitiges Arbeiten konzipiert worden sind.
- -Ich kenne alle Tapetenmacken an Wänden und Decke in Wohn- und Schlafzimmer.
- -Ich ertappe mich dabei, dass ich erzähle beim Supermarkt gewesen zu sein und es darzustellen, als ob ich den Jakobsweg gejoggt bin.
- -Jede Verabredung wird zum Highlight und mal einen Tag shoppen ist plötzlich nicht mehr ganz so ätzend.
- -Gammelklamotten sind gar nicht so schlecht.
- -Ich rufe freiwillig Menschen an, die ich seit Jahre lang gemieden habe wie der Teufel das Weihwasser, weil so viel Blödheit unter meiner Würde ist.
- -Ich stelle fest, dass man sich selbst entsetzlich auf den Wecker gehen kann.
- -Ich bin FarmVille-abhängig.
- -Meine Kreativität fällt gelegentlich in Tiefen, welche Taucherbrille und Bergungskapseln benötigt werden.
- ICH WILL WIEDER MIT KOLLEGEN ARBEITEN!
Oder um es in Kurzform zu sagen: Montage sind eigentlich gar nicht so schlimm.
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