Mittwoch, 6. Juli 2011

But I like it!


Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist da kein Meer, sondern erstmal sehr viel Himmel, vielleicht mit ein paar Wolken und ganz viel grün. Jedenfalls keine türkisfarbenen Wellen, weiße Boote und hohe Häuser in der Ferne. Dann legen sich ein paar kleine Hügel übereinander und wenn man genau hinschaut, sieht man die dazwischen verstreuten Häuser, Bauernhöfe und das weite grün des Golfplatz. Wir wohnen nämlich nicht einfach nur in einem 12.000-Einwohner-Dorf, wir wohnen an dessen Rand. Die nächstgrößere Stadt ist 15 km weg und ist quasi das Nadelöhr, welches es zu passieren gilt bis man endlich auf der Autobahn ist.

Hessisch-Sibirien, diesem kargen Fleckchen Land und seinen eigenbrötlerischen Einwohnern. Das klingt alles sehr verschroben, etwas hinterwäldlerisch, fast schon urig, aber ist wohl mehr Mythos als Realität.
Nun, warum wohnt man hier? Ich habe mich das früher oft gefragt, vor allem, weil man hier ohne Auto ziemlich fest saß und der Bus damals nur gefühlte 5 mal am Tag und vor allem immer viel zu früh wieder zurück rollte. Und ich hatte Angst davor, hier nicht wegzukommen, nicht einmal kurz oder lang etwas anderes zu sehen… so wie all die Leute, die immer noch hier wohnen, immer wohnen werden und wahrscheinlich auch hier sterben werden ohne je etwas anderes gesehen zu haben.
Trotzdem – ich sage immer noch, dass ich hier wohne. Und das in einem Brustton der Überzeugung, bevor mir wieder einfällt, dass ich vor etwa mehr als drei Jahren nach Gibraltar gezogen bin und im Moment nur zu Besuch bei meinen Eltern bin und auch zuvor schon, seit ich 21 bin, in anderen Städten gewohnt habe.
Ja, ich bin wohl ein Dorfmädchen und mir ist gerade ziemlich egal, wie uncool das irgendwer finden mag. Ich zucke jedenfalls nicht zusammen, wenn ich aus dem Fenster schaue und 20 Meter weiter plötzlich eine Kuh sehe. Und wenn der Schulfreund, mit welchem man schon im Sandkasten spielte, mit dem Traktor an mir vorbeifährt und fröhlich winkt. Es ist auch normal, dass man beim Joggen im Feld von Schafherden angeblökt wird. Und dass jeder Strohballen, jeder Baum auch noch Jahre später den Impuls weckt, draufzuklettern.

Ich bin heute mit dem Fahrrad die gleiche Strecke gefahren, auf der ich früher mit meinen Eltern zum Ziegen füttern gewesen bin. Und hier bin ich auch mit meinen Großeltern spazieren gegangen. Das klingt jetzt sentimental, aber das bin ich gerade. Es ist nämlich gar nicht so, dass es hier nichts gibt. Es gibt Erinnerungen an schöne Tage, an wundervolle Menschen, an Freunde. Und dies ist auch der Ort, an dem man sich immer mal wieder trifft, meist sogar ganz zufällig. In einer Kleinstadt und in Dörfern verliert man sich nicht so leicht, hier passiert es schneller, dass unsere Wege sich kreuzen, und wer hier wieder weg will, den verstehe ich heute nicht mehr so wie früher.
Ich kann schlecht beschreiben, was es für mich bedeutet, hier zu Hause zu sein. Ich weiß nur, wie es sich anfühlt.

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