Freitag, 1. April 2011

Walk down the memory lane....

Was sich in den letzten Monaten deutlich verändert hat, ist die Sichtweise auf Vieles, insbesondere was Familiendinge anbelangt. Auf einmal eröffnen sich neue Perspektiven, die mich vorher schlichtweg nicht interessiert haben und für die ich auch gar keine Zeit hatte. Ich ertappe mich dabei, Vergangenes neu zu interpretieren und Dinge zu verstehen, die mich vorher einfach nur maßlos geärgert haben. Ich hinterfrage Verhaltensweisen, bewerte sie anders. Und immer wieder spielt die Vergangenheit eine große Rolle.
Von da ist es nur ein kleiner Schritt bis zu den Erinnerungen, die wir alle in uns tragen, seien es die eigenen oder die, die uns von Eltern, Großeltern und anderen Familienmitgliedern erzählt werden. Das Erzählen findet immer wieder statt, es ist ein Ritual an unzähligen Kaffeetafeln, unter Weihnachtsbäumen, bei Geburtstagsessen, Besuchen, am Telefon.
Und jede Generation hat ihren ganz eigenen Tenor, mit allgemeinen und ganz persönlichen Erinnerungen.

Hidy und Howdy, die zwei Eisbären-Maskottchen der Olympiade 1988, die Ölkrise und leere Autobahnen, Fernsehabende mit „Wetten Das“, „Wumm und Wendelin“ und „Montagsmaler“, marineblaue Kordhosen und Nicki-Sweatshirts, Ernie und Bert, Sunkist, Bonanza-Räder. Die Nachbarn, die antiautoritär erzogen. Der Junge mit seinem Kettcar, der bei Wutanfällen immer einen knallroten Kopf bekam, Liebesperlen, Wassereis, gemischte Tüten…vom letzten Rest an Münzen welches das, immer viel zu knapp bemessene, Taschengeld so hergab.
Die Atari-Spielkonsole mit Pitfall & Pac-Man, Armbänder aus pastellfarbenen Bonbons, Kaugummi-Automaten, Eiskonfekt. Die Katastrophe von Tschernobyl, AIDS, stundenlange Sitzungen vor dem Kassettenrekorder, um den Lieblingssong ohne Moderatorenstimme aufzunehmen. Barschel-Affäre, Reagan, Thatcher. Die erste Mikrowelle. Eltern von Freunden, die sich plötzlich scheiden ließen. Der Walkman. RTL, Night Rider, A-Team, VIVA und MTV. Die erste Beerdigung.
Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und die Teletubbies, Tamagotchis, 5stellige Postleitzahlen, das erste Magnum. Die deutsche Wiedervereinigung. Der erste Kuss, die erste gemeinsame Wohnung, der erste große Liebeskummer. Der grüne Punkt & der gelbe Sack, der Golfkrieg als großes Fernsehereignis mit verwackelten Nachtaufnahmen und blitzerleuchteten Horizonten. Dolly, das Clon-Schaf, eine tote Prinzessin der Herzen, nächtliche Club-Besuche und ungenießbares Mensa-Essen, die erste Hausarbeit, verkaterte Wochenenden.
Keine Aufzählung kann jemals vollständig sein, und seine Erinnerungen gewichtet eh jeder ganz anders. Es gehört zu den Unzulänglichkeiten der Kommunikation, dass man dieses ganz besondere Gefühl, diese Stimmung, den Geruch, die Farben, Geräusche, die Haptik, diesen einen Augenblick nie so wird beschreiben können, dass ein Anderer 1:1 genau das Gleiche empfindet wie man selbst. Erinnerungen sind der Komponentenklebstoff, der Fragmente unseres Lebens, als Erinnerungen zusammenfügt und daraus ein große Bild entstehen lässt. Manchmal sind sie trügerisch, bisweilen sogar fiktiv oder aus Erzählungen anderer annektiert und sich zu eigen gemacht worden.
Man sollte jedoch nicht in der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern stets nach vorne schauen. Aber es wäre dumm und achtlos, die Vergangenheit nicht mit in sein Leben einzubeziehen….und es wäre schade, sie nicht zu teilen, um das kollektive Zeitgedächtnis damit zu füttern und um anderen Menschen, welche uns etwas bedeuten, ein Stück weit an unserem Leben, unserem Erlebten teilhaben zu lassen.

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