Eine uralte Frage, die ich noch nie eindeutig beantworten konnte (oder vielmehr: nicht mehr seit meiner überschwänglichen Dramatik-Jugend-Phase):
Ist es besser, große Freuden nie kennen zu lernen und somit auch nicht zu vermissen, wenn sie vergangen sind - oder ist es besser, große Leidenschaften / große Gefühle / große Momente zu erleben, auch wenn man früher oder später zurückblickt und wehmütig feststellt, dass diese Zeiten vorbei sind?
Schwierige Frage, denn einerseits ist ein gleichförmiges Leben ohne Highlights auch nicht der sichere Hafen, der vor Enttäuschungen bewahrt - andererseits ist es doppelt schwer, etwas zu verlieren, dass man einst kannte.
Wer große Liebe erlebt hat, will nicht mehr mit schalen Kompromissen leben. Wer früher wundervolle Weihnachten hatte, wird später jedes Jahr wieder gegen den Weihnachtsblues ankämpfen - Gleichgültigkeit ist nie wieder herstellbar. Wir alle neigen dazu, vergangenen Highlights hinterherzutrauern: der Jugend, der Unbeschwertheit, der Wärme, der Liebe.
Aber - wäre es nicht genauso schal und leer, wenn man keine Sehnsüchte hätte?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich manche Erfahrung (gerade aus dem letzten Jahr, aber auch ältere) nicht lieber rückgängig machen würde - ich sehe bis heute keinen positiven Wert, den ich daraus ziehen kann.
Es wäre vielleicht leichter, nie den besten Sex seines Lebens gehabt zu haben und dann festzustellen, dass so eine Naturgewalt wahrscheinlich nur selten wieder passieren wird.
Und doch - ich bin ein extrem leidenschaftlicher und gefühlsbetonter Mensch. Ich werde wohl kaum durch's Leben kommen, ohne leidenschaftlich auf die Schnauze zu fallen.
Für andere gilt entsprechendes: Wer Liebe und Wärme mag, Familienweihnachten genossen hat und mit seinem Wertesystem von Familie und Freunde zufrieden ist, der wird immer mal wieder auf etwas vergangenes zurückblicken und bedauern, dass es vorbei ist.
Aber wer nicht bedauert, hat nicht gelebt - das Märchen von einem Leben, in dem es immer nur bergauf geht und in dem man nur gewinnt und nie etwas dabei verliert, dieses Märchen ist eben nur ein Luftschloss. Und wenn man sich umsieht und genauer hinschaut stellt man fest, dass es niemanden gibt, der nicht auch unterwegs Dinge verloren hat, die wertvoll waren. Nur ganz wenige Abgestumpfte bemerken diese Verluste gar nicht und wandeln frohen Mutes durch die Welt mit einem Schutzwall aus Einfalt und Gefühlskälte. Alle anderen müssen sich mit Weihnachts- oder Silvesterblues herumplagen und werden es dennoch meistern, das Beste daraus zu machen, oft mit Hilfe lieber Freunde! Nochmals Danke hierfür ;-)
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